Nicht zuletzt seit Martha Nußbaums engagiertem Plädoyer für einen im Sinne der Gegenwart revidierten Kosmopolitismus ist die Aktualität dieser antiken Geisteshaltung wieder im Gespräch. Die amerikanische Philosophin hat 2020 mit ihrem Buch „Kosmopolitismus. Revision eines Ideals“ eine Sammlung von Essays über die Ideale verschiedener Denker zusammengestellt und so eine zeitgemäße Debatte ausgelöst. Hier schließt die Hochschule Biberach in diesem Jahr mit ihrer Ringvorlesung an.

Das Programm am 23. Oktober:

  • 15 Uhr: „Der Gedanke der Kosmopolitie in der Antike und sein Fortwirken bei Wieland“, Wolfgang Christian Schneider, Institut für Philosophie, Universität Hildesheim

Mit der Entstehung der hellenischen Städte (Poleis) als in sich geschlossene Bewußtseins- und Handlungsräume und der Herausbildung eines philosophischen Nachdenkens über die Notwendigkeiten einer sozialen Ordnung stellte sich im 5. und 4. Jh. v. Chr. die Frage nach dem Bezug des Handelns und Meinens der Menschen in der einzelnen Stadt innerhalb einer größeren Ordnung. Daraus ergeben sich Entwürfe, die den Menschen, und zwar jeden Menschen, in einen übergeordneten und umfassenden Sinn- und Lebensraum stellten – und wesentlich von dorther verstehen. Dies ist Kern jeder Rede von Kosmopolitie, wie sie C.M. Wieland im 18. Jh. in ebenso anmutiger, wie überzeugender Weise vor Augen stellt. 

  • 17 Uhr: „Wieland weiterdenken: Wie frei und gleich sind wir?“, Kerstin Bönsch, Wieland-Stiftung Biberach

Christoph Martin Wieland (1733-1813) sprach sich für eine organische Entwicklung des Weltbürgertums aus, in dem die Vernunft als einzige Waffe die Menschheit voranbringt und solidarisiert. Indem sich jeder Mensch seiner Verantwortung, seiner Rechte und Pflichten bewusst ist, forderte er einen Weg der Mitte. Wie frei und gleich sind wir heute? Diese Frage stellt Kerstin Bönsch, Geschäftsführerin der Wieland-Stiftung, in ihrem Vortrag, der sowohl in Textauszügen Wielands Idee vorstellt als auch deren Anschlussfähigkeit in der Gegenwart sucht.

  • 20 Uhr: „Welcher Kosmopolitismus?“, André Bleicher, Hochschule Biberach

Verständnisse von Kosmopolitismus gibt es derer viele. Sie reichen von der utopistischen, frühneuzeitlichen Idee des Weltstaates bis zur Vision der Auflösung aller Politik im globalen Markt, wie sie von Adam Smith bis zu den zeitgenössischen Marktradikalen propagiert wird. Deshalb steht die Frage Welcher Kosmopolitismus? auf der Tagesordnung, nicht zuletzt wegen der vermeintlich einzigen Alternative Nationalstaat oder Weltstaat und der vermeintlich zwingenden Folge des Kosmopolitismus/Universalismus – des Einsatzes imperialer Macht gegen die Anderen (militärisch durchgesetzter Demokratie-Export, vorgeblich humanitär motivierte Intervention).

Eine weitere Vorlesung findet am Samstag, 30. Oktober, statt.

Für alle Vorträge gelten die 3G-Regeln. Alle Teilnehmenden müssen entweder geimpft, genesen oder gestestet sein. Eine Anmeldung ist nicht notwendig.