Nicht zuletzt seit Martha Nußbaums engagiertem Plädoyer für einen im Sinne der Gegenwart revidierten Kosmopolitismus ist die Aktualität dieser antiken Geisteshaltung wieder im Gespräch. Die amerikanische Philosophin hat 2020 mit ihrem Buch „Kosmopolitismus. Revision eines Ideals“ eine Sammlung von Essays über die Ideale verschiedener Denker zusammengestellt und so eine zeitgemäße Debatte ausgelöst. Hier schließt die Hochschule Biberach in diesem Jahr mit ihrer Ringvorlesung an.

Das Programm am 30. Oktober:

  • 15 Uhr: „Kosmopolitismus ist auch ein Standpunkt. Herder im kritischen Diskurs mit Rousseau und Wieland“, Tilman Borsche, Institut für Philosophie, Universität Hildesheim

Die moderne Kontroverse um den Kosmopolitismus im 18. Jahrhundert entwickelt sich als eine polemische Auseinandersetzung mit dem Patriotismus. Für beide gilt, dass sie von einigen als Haltungen des Gemeinsinns gelobt und von anderen als eigennützig getadelt werden. Die schmale, aber prägnante antike Wort- und Verwendungsgeschichte bleibt auch für das 18. Jahrhundert maßgebend. Hier ist Jean-Jacques Rousseau der Stichwortgeber, dessen Kritik des Kosmopolitismus daher in einem ersten Hauptteil erläutert und eingeordnet werden soll. Herders eigener ethisch-politischer Leitbegriff ist die Humanität, die er, in vielem an Rousseau anknüpfend, nur als patriotische Akte in einzelnen Gestalten des Lebens exemplarisch verwirklicht sieht. Jede Theorie, jedes Gesetz gefährdet das immer neu und immer nur konkret zu bestimmende Ideal der Humanität. Herdes späte Briefe zu Beförderung der Humanität sind ein bis heute (zu) wenig gewürdigter Text, der im Bild einer kühnen literarischen Konstruktion zeigt, wie kosmopolitische – d.h. für Herder: an der Humanität orientierte – Ideen situationsangemessen umgesetzt wurden, und damit die moralische Phantasie seiner LeserInnen anregt, Entsprechendes in ihrer eigenen Gegenwart zu verwirklichen.

  • 17 Uhr: „Der geteilte Himmel des Geschmacks. Schillers ästhetische Kritik der Moderne“, Peter Neumann, Institut für Philosophie, Universität Oldenburg

Was Kosmopolitismus ist und seiner Idee nach sein kann, ist für Schiller keine abstrakte Frage. Das Zeitalter mag aufgeklärt sein, wie es will. Weltbürger ist man nicht, zum Weltbürger muss man sich durch die kommunikative Kraft der Poesie heranbilden. Mit dieser ästhetischen Spielart des sensus communis bringt Schiller seine Gegenwart auf den Begriff: Es fällt der Kunst zu, die in sich zerfallene Moderne in eine Kultur geselliger Humanität zu transformieren.

  • 20 Uhr: „Goethe: „Ein Werdender wird immer dankbar sein“. Mensch, Zeit, Entwicklung – Metamorphosen des Kosmopolitismus bei Goethe“, Harald Schwaetzer, Hochschule Biberach

Der Begriff des „Kosmopolitismus“ hat viele Facetten. Man hat Lessing, Wieland, Kant, Herder, Schiller und Goethe gleichermaßen unter ihn gefasst. Ein solches Verständnis ist freilich sehr wenig differenziert, wie diese Vorlesungsreihe zeigt. Goethes Blick auf das Phänomen soll von grundlegenden Charakteristika seines Denkens und Schaffens her entworfen werden. Ein naheliegender Zusammenhang zum Kosmopolitismus ist der Begriff der Weltliteratur, den er von Wieland übernimmt. Diese Idee enthält die konkrete Begegnung von Menschen, die literarisch arbeiten. Sie weist auf diese Weise in die „Pädagogische Provinz“ aus dem „Wilhelm Meister“. Von dort her lassen sich bildungs- und moralphilosophische Aspekte einer metamorphosierten Gestalt des Kosmopolitismus entwickeln, die zutiefst mit Goethes Verständnis vom Mensch und Natur zusammenhängen. Die Nähe zu den Ideen von Wieland, Schiller und Herder, aber auch das Potential für die Gegenwart werden dabei sichtbar.

 

Für alle Vorträge gelten die 3G-Regeln. Alle Teilnehmenden müssen entweder geimpft, genesen oder gestestet sein. Eine Anmeldung ist nicht notwendig.