HBC.Artikel_HBC_Exkursion Energy Sail 2018

Was die Gesellschaft von der Insel Pellworm lernen kann: Studierende auf nachhaltigem Kurs auf der Nordsee

Zum zweiten Mal hat der Studiengang Energie-Ingenieurwesen eine Exkursion mit einem Segelschiff unternommen: 28 Studierende und zwei Professoren waren mit dem Dreimaster „Thalassa" auf der Nordsee unterwegs. Mit der Kraft des Windes haben sie im September Praxisbeispiele für eine zukunftsweisende Energieversorgung besucht: etwa das Projekt Smart Region auf Pellworm oder verschiedene Betriebsführungs-zentralen von Offshore-Windkraftanlagen.
 
Um es gleich vorweg zu nehmen: Dem Hurrikan, der Ende September über die USA fegte und dessen Ausläufer auch auf Deutschland trafen, konnte die Crew rechtzeitig ausweichen. Der Logbucheintrag für den 21. September beginnt deshalb in fett gesetzten Buchstaben mit der Nachricht, auf die die Familienmitglieder Zuhause wohl gehofft haben: „Wir konnten dem Sturm ausweichen!". Dennoch hatte die Besatzung mit meterhohen Wellen (fünf bis sechs Meter) und 17 Grad Schräglage zu kämpfen.
 
Wetterunabhängig war das Deck der favorisierte Aufenthaltsort der Studierenden, das freundschaftliche Verhältnis zum Kapitän und seiner vierköpfigen Crew war gut und stärkte das Vertrauen: Die Segel wurden je nach Größe in Teams von vier oder acht Personen gehisst; bei insgesamt 800 Quadratmeter Segelfläche und sechs Kilometer Schotlänge keine einfache Aufgabe.  Die Studierenden kletterten bei stabilem Wetter in den Mast, um aus 30 Meter Höhe die Aussicht zu genießen; andere schauten beim Navigieren zu, verfolgten die Wetteranalysen oder übernahmen zeitweise die Aufgabe des Steuermanns. Das Wetter hielt nahezu alles bereit: ein Lebensgefühl wie in der Südsee, mal guten Segelwind, mal Sturm und heftigen Regen. „Wir erhielten eine Vorstellung, was dynamisches Segeln bedeutet", berichtet Peter Knoll, Forschungsmitarbeiter am Institut für Gebäude- und Energiesysteme und Organisator der Exkursion. „Wenn der Kapitän seine rote Hochseehose anzog, wussten wir: Heute werden wir nass!"
 
Sieben große Exkursionsziele umfasste das Programm; zur Einstimmung auf das jeweils nächste Ziel präsentierten die Studierenden am Abend ihre Recherche. Ulrike Kling (23), Johannes Correll (21) und Marc Moser (26) berichten etwa von der Insel Pellworm, die schon in den 70er Jahren experimentierfreudige Tüftler eingeladen hatten, ihre Ideen von alternativer Energieerzeugung auf der Insel zu erproben – eine technikfreundliche Gemeinschaft. Im Logbuch vermerken die Studenten: „Bei strahlendem Sonnenschein und stahlblauem Himmel nutzen wir das ablaufende Wasser der Tide und den moderaten Wind, um von Bremerhaven bis vor die Insel zu segeln". Wegen des Tiefganges der Thalassa kann das Schiff nicht in den Hafen einfahren; die Crew geht vor der Insel vor Anker und setzt mit einem Begleitboot über. Es folgen Vorträge und Führungen zur „Smart Region Pellworm", einem inzwischen abgeschlossenen Forschungsprojekt. Die Studierenden erfahren, dass die Insel mit PV- und Windkraftanlagen bis zu sieben Mal mehr Energie erzeugt als vor Ort verbraucht wird. Die Überschussleistung wird über zwei Seekabel auf das Festland transportiert. Auch Solarenergie spielt eine große Rolle, da die Insel über eine hohe Sonneneinstrahlung verfügt und der Wind die Solarmodule konstant kühlt, was sich positiv auf den Wirkungsgrad der Module auswirkt. Die angehenden Energie-Ingenieure vermerken im Tagesbericht, dass zu hoffen bleibt, dass eine Übertragung der innovativen Entwicklungen von der Insel Pellworm in die Breite möglich ist, damit regenerative Energien in Verbindung mit Speichertechnologien künftig durchgehend genutzt werden.
 
Auch von der Besichtigung des Klimahauses in Bremerhaven sind die Studierenden beeindruckt. In dem Gebäude werden alle Klimazonen der Erde abgebildet. Die verschiedenen Zonen sind physisch erlebbar und werden in den Kontext der unterschiedlichen kulturellen, sozialen, wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen gesetzt. Dieses spannende Ausstellungskonzept stellt enorme Anforderungen an die Gebäudetechnik. „Jede Klimazone benötigt unterschiedliche Temperaturen, Feuchtigkeitsstufen und somit ein eigenes Klimagerät", berichtet Ulrike Kling. Durch den Einsatz von innovativen Anlagen aus einem Mix von Geothermie, Photovoltaikanlage und intelligenter Luftführung in der das Gebäude umgebenden Glashülle, kann das Klimahaus in der Bilanz dennoch CO2-neutral betrieben werden.  
 
Ein weiterer großer Themenkomplex umfasste Offshore-Windkraftanlagen, inklusive Montage und Logistik. In den Testhallen des Fraunhofer Institutes Bremerhaven verfolgten die Studierenden staunend, wie 80 Meter lange Rotorblätter belastet und unter möglichst realitätsnahen Randbedingungen geprüft werden. „So begreift man die enormen Dimensionen", sagt Johannes Correll. Auf Helgoland und in Cuxhaven besuchten die Exkursionsteilnehmer Unternehmen, die in diesem Bereich tätig sind. Innerhalb von 24 Stunden können vorgefertigte Anlagen betriebsfertig errichtet werden; dabei kommen neue Verfahren zur Anwendung, die beim Bau der Fundamente weniger Lärm verursachen. Neue Systeme saugen sich auf dem Untergrund fest, andere sind als schwimmende Systeme konstruiert. Was die Biberacher Studierenden verwundert: Weder Recycling noch Modernisierung alter Anlagen scheint ein Thema zu sein, „aber irgendwann holt uns das ein", sagt Marc Moser. Dafür entstehen in Windparks neue Biotope mit großen Fischbeständen, da aus Sicherheitsgründen dort nicht gefischt werden darf. Technik, Umwelt- und Naturschutz beeinflussen sich gegenseitig und müssen nachhaltig in Einklang gebracht werden, das hat die Exkursion Energy Sail deutlich gemacht. „Die Bevölkerung muss mitmachen" sagt Johannes Corell mit Verweis auf die Inselbewohner von Pellworm.
 
„Exkursionen spiegeln und vertiefen die Fachthemen, das ist eine wichtige Ergänzung unserer Lehrveranstaltungen. Die Energy Sail verbindet dies mit Abenteuer, Teamgeist und der Reflexion gesellschaftsrelevanter Zukunftsthemen", so Prof. Dr. Martin Becker der, zusammen mit seinem Kollegen Stefan Hofmann, die Exkursion geleitet hat­­­.

INFO:
Am Montag, 19. November, werden die Exkursionsteilnehmer von ihrem Abenteuer berichten und spektakuläre Filme wie Fotos zeigen (18 Uhr Hochschule Biberach, Campus Stadt, Lounge).

Foto: Die Crew und ihre „Thalassa": Mit dem Segelschiff haben Studierende des Energie-Ingenieurwesens die Nordsee besegelt und nachhaltige Ziele erkundet. Am 19. November (18 Uhr, Lounge) berichten sie von der großen Exkursion und ihrem Abenteuer Energy Sail 2018/ Foto: HBC

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