HBC.Artikel_Werkstattaufführung des Hochschulorchesters

Gelungenes Crossover von Goethe / Lassen / Playmobil

„Wir haben einen verteufelt raffinierten Plan ausgetüftelt, wie wir Goethes Werk und Lassens Beitrag mit unseren Möglichkeiten in eine Bühnenform übersetzen können, die den Werken einigermaßen gerecht werden":  Michael Sommer ist Dramaturg aus München und für die Bearbeitung der Faust-Trägödie erster Teil verantwortlich, die das Orchester der Hochschule Biberach in einer Werkstattaufführung zur Darstellung gebracht hat; musikalisch dargeboten wurde die Bühnenmusik von Eduard Lassen. Sommer ist bekannt für seine besondere Art der didaktischen Verkürzung klassischer Literatur. „Sommers Weltliteratur to go" tituliert er seinen Youtube-Kanal, auf dem er Werke wie „Parcival" oder „Die Leiden des jungen Werther" darstellt – jugendgerecht, witzig und in Kurzfassung.
 
Mit dem Orchester der Hochschule Biberach (HBC) hat er mit Goethes Faust bereits die dritte Aufführung erarbeitet. Über den Zeitraum von zwei Semestern hatte sich das Orchester unter der Leitung von Professor Dr. Klaus K. Weigele (Leiter der Akademie für die musikalische Jungend in Baden-Württemberg, Ochsenhausen) mit Lassen und später Goethe befasst. Am Abend der Aufführung wurden die Orchestermusiker unterstützt durch Sängerinnen und Sänger des Kammerchores Tritonus in einer Einstudierung von Klaus Brecht; namentlich waren dies Julia Dominique, Eva Kappler, Wolfram Lörz, Claudia Schad, Christoph Schulz und Klaus Brecht.
 
Das Werkstattkonzert beinhaltete in diesem Jahr zwei Formate: Vor der eigentlichen Aufführung am vergangenen Montag, fand an der Landesakademie Ochsenhausen im Rahmen des Probenwochenendes ein Einführungsseminar statt, zu dem die Hochschule Biberach verschiedene Referenten eingeladen hatte, die den Zuhörern – die Veranstaltung war für Interessierte offen – den deutschen Dichter Johann Wolfgang von Goethe näherbrachten, ebenso wie den Komponist Eduard Lassen und die Bedeutung der beiden Künstler und ihrer Werke.
 
In diesem Rahmen stellte der junge Germanist Sebastian Meixner (Universität Zürich) in seminaristischer Form Faust I vor und zeigte auf, wie Goethe darin verschiedenste Spielanleitungen bündelt. Der Kulturdezernent der Stadt Biberach, Dr. Jörg Riedlbauer, erweiterte diese Exposition um die musikalische Umsetzung auf Grundlage von Gründgens Faust-Inszenierung (Boito, Gounod, Liszt). Auch entwickelten Klaus Weigele und André Bleicher (Rektor der Hochschule Biberach und Orchestermitglied) gemeinsam die Entstehungsgeschichte Eduard Lassens Faust-Musik und der zugehörigen Inszenierung von Otto Devrient im Jahr 1876.
 
Michael Sommer stellte bei diesem Einführungsseminar seine Herangehensweise für den „Geballten Faust" vor. Literatur begreift er als Sprachspiel und orientiert sich für seine Verkürzung an diesen Leitfragen: Wer sind die Protagonisten? Welche Konflikte oder Probleme werden dargestellt? Wie geht das Stück aus? Die Werkstattaufführung gab – natürlich – die Antwort auf diese Fragen: Als Hauptfiguren kamen Gretchen, Faust und dessen Gegenspieler Mephisto auf die Bühne.
 
Um diesen Rollen Leben einzuhauchen setzt Sommer Playmobilfiguren ein, die sich wie er selbst sagt „als kindisches Spielzeug bestens eignen, um ernste Erwachsenenkultur humorvoll aufzubrechen – ein emotionaler Dosenöffner und eine prima Projektionsfläche." Als Hauptkonflikte in Goethes Drama hat die Biberacher Inszenierung Fausts Gelehrtenkrise, die Gretchentragödie und natürlich Mephistos Mission identifiziert. Figuren wie Themen spiegeln sich nicht nur in dem Figuren-Theater von Sommer wider, das per Beamer an eine große Leinwand geworfen wird; auch die Musikauswahl aus Lassens Kompositionen folgen diesem Muster. So wurde das musikalische Leitthema Fausts für das Publikum deutlich erlebbar.
 
Lassen differenziert die verschiedenen Charaktere durch die Zuweisung von Leitmotiven, die allerdings nicht in den vom Chor dargebrachten Bühnenliedern als Teil der Handlung vorgetragen werden, sondern in den Verwandlungs- und Zwischenaktmusiken des Orchesters. Faust wird im Vorspiel zur Gelehrtentragödie mit einem an Richard Wagners Tristan-Motiv erinnernden f-moll-Thema charakterisiert, das in der Schauspielmusik immer wieder aufgenommen wird. Das Mephisto-Motiv – ebenso wiederkehrend – erklingt zum ersten Mal im „Prolog im Himmel". Es zerstört den Harmoniegesang der Engel durch eine absteigende Chromatik, wie insbesondere die Szenen, die in übernatürlichen Welten spielen („Hexenküche", „Walpurgisnacht")"), die durch eine dissonante Spannung geprägt sind. Sie führen das Orchester in neue musikalische Dimensionen. 
 
Das Biberacher Crossover von Goethe, Lassen und Playmobilfiguren beinhaltet noch ein weiteres Element der Darbietung: Musiker des Orchesters lesen in verteilten Rollen Szenen aus dem Originalstück vor. Da waren sie wieder, die Hauptfiguren Gretchen, Faust und Mephisto – und Orchestermitglieder, die als Schauspieler über sich hinauszuwachsen schienen. Die verschiedenen Ebenen des Spiels verschmolzen in diesem Dreiklang zu einer gelungenen Aufführung, von der sich das Publikum beeindruckt zeigte und sich mit tosendem Beifall bedankte.
 
 
 

Foto: Dramaturg Michael Sommer (München) trat gemeinsam mit dem Orchester der Hochschule Biberach auf. In einem Werkstattkonzert brachten sie Goethes Faust zur Darstellung/Foto: HBC

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