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Hochschule der Zukunft: Auf Lernreise mit der Changemanagement-Koryphäe Otto Scharmer

Gesellschaftlichen Wandel fördern – und das mit einer Initiative, die 300 Teams weltweit zusammenbringt: Diese ehrgeizige Idee hat Dr. Otto Scharmer, Professor am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) in den USA entwickelt und ein „Societal Transformation Lab" ins Leben gerufen, an dem u. a. die Hochschule Biberach (HBC) beteiligt ist. Seit Jahresbeginn und bis in den Sommer 2019 hinein werden TeilnehmerInnen aus aller Welt Ideen zu den dringlichsten Herausforderungen der Zukunft entwickeln – etwa zu den Themen Bildung, Ernährung oder Energie – und sich in virtuellen wie persönlichen Treffen darüber austauschen.
 
„Hochschule der Zukunft" lautet das Thema des Teams, das die HBC gemeinsam mit anderen Hochschulen und Bildungseinrichtungen bildet, etwa der Universität Kiel, der Katholischen Universität Eichstätt und der Hochschule Neu-Ulm. Auch die Universität Duisburg-Essen ist Teil dieser Gruppe; der Psychologie-Professor Dr. Wolfgang Stark hat die deutsche Beteiligung am Societal Transformation Lab initiiert und die Fragestellung „Re-Inventing Higher Education for Social Transformation and Innovation" eingebracht. Die TeilnehmerInnen kommen aus allen Bereichen und Hierarchieebenen einer Hochschule, es mischen sich Professoren, Studierende und Personal. In der Zusammenarbeit aber spielen diese Unterschiede keine Rolle. Gemeinsam begeben sich die Beteiligten auf eine Lernreise mit dem übergeordneten Ziel, eine Hochschule der Zukunft zu entwickeln.
 
Wie die Gruppe konkret arbeitet, kann bei einem Workshop im Design-Thinking-Labor der HBC beobachtet werden, zu dem sich die Gruppe für den nächsten Arbeitsschritt, dem „4D Mapping", trifft. Das Format ist eine Art Systemaufstellung zur Verdeutlichung von Beziehungsbildern. Dafür werden die rund zehn TeilnehmerInnen aufgefordert, in eine Rolle zu schlüpfen, mit der sie nicht professionell verbunden sind.  Diese Situation lebt von Spontanität und individueller Empfindung: Seinen Part wählt jedes Gruppenmitglied spontan und sucht dafür einen körperlichen Ausdruck. Dabei beziehen sich die TeilnehmerInnen auf die Beziehungsebenen Nähe und Distanz, Direktheit und Abgeschiedenheit. So entsteht eine Skulptur im Raum, in der die Rollenspieler für einen Moment verharren. Sie sollen dem nachspüren, was sie empfinden und dies in einem einzigen Satz formulieren. Die Rollen sind dem System Hochschule entliehen: Zu finden ist das Ministerium, alle Mitgliedsgruppen der Hochschule inklusive Leitung, das Umfeld
aus Stakeholdern, Business und Klimawandel. Die Rollen der Change-Maker und der Bürgerschaft bleiben an diesem Tag unbesetzt.
 
Jetzt kommt Bewegung in die Skulptur. Die Rollenspieler sollen ihre Position verändern und in einem neuen Gefüge zusammenkommen. Das Spiel beginnt von Neuem: Die TeilnehmerInnen bewegen sich und versuchen die Beziehungsebenen zu verbessern. Sobald sie ihre neue Position gefunden haben, verharren sie erneut in dem Gebilde, das sie gemeinsam darstellen und drücken ihre Empfindung in einem Satz aus. Die Unzufriedenheit wird auch für Unbeteiligte deutlich, ist geradezu körperlich spürbar: Die Politik fühlt sich machtlos, die Hochschulleitung deplatziert, der Student sucht das Weite und der Klimawandel erlebt die Ignoranz der Mitspieler: „Jetzt weiß ich, wie es sich anfühlt, wenn man mit Füßen getreten wird". Erstaunt sind die Beteiligten, dass es innerhalb der Aufstellung nicht zu Zusammenschlüssen kam: Warum haben sich einzelne Spieler nicht verbunden und damit gegenseitig gestärkt?
 
Wie also muss sich das System Hochschule der Zukunft ändern? Noch ist das Team auf der Suche nach Antworten auf diese zentrale Fragestellung. Im Mai werden sich die Mitglieder erneut treffen, dann an der Uni Eichstätt; weitere Treffen – virtuell oder persönlich – folgen in den nächsten Monaten, um der Frage weiter nachzuspüren und konkrete Empfehlungen zu entwickeln.
 
Auf seinem Weg wird das Team im direkten Austausch von der Koryphäe Otto Scharmer angeleitet. Der Experte für Changemanagement führt in virtuellen Sitzungen Schritt für Schritt durch eine von ihm entwickelte Methodik. „Die „Theory U" stellt einen Handlungsansatz dar, der Führung aus der Perspektive der Zukunft heraus ermöglicht", erläutert Prof. Dr. Henrike Mattheis, Didaktikbeauftragte der Hochschule Biberach. „Ein Ansatz, den man ausprobieren und erleben muss, um ihn selber einsetzen zu können".
 
Zusammen mit Rektor Professor Dr. André Bleicher und den Gastprofessorinnen Dr. Isabell Osann und Dr. Cornelia Gretz bildet sie das Biberacher Teilteam. Isabell Osann leitet das Labor für Design Thinking und ist Gastgeberin des Workshops „4D Mapping". Gerade hat sie das „Journaling" mit Otto Scharmer (Presencing Institut des MIT) organisiert, bei dem er in einer Livesession die Teams moderiert. Die Professorin schaltet sich und ihre KollegInnen von Biberach aus zu. Scharmer stellt Impulsfragen zur Gestaltung der Zukunft, die jeder still für sich beantwortet und niederschreibt. Das innere Erleben und die eigene Reflexion stehen im Fokus.
 
„Die im Journaling-Prozess gestellten Fragen haben die Gruppe eingeladen, neue Perspektiven im Prozess einzunehmen und den Blick zu weiten", sagt Isabell Osann, und  nennt ein konkretes Beispiel für das weitere Vorgehen: „Welche erste Ideen für Prototypen finden wir, um den Weg von Skulptur 1 zu Skulptur 2 zu gestalten?"  Bereits Anfang Mai wird die Gruppe um die Professorin mit zusätzlichen Kreativitätstechniken an der Entwicklung des Prototyps weiterarbeiten – für eine Hochschule der Zukunft.
 
 
 
 
 

Foto: Societal Transformation Lab an der Hochschule Biberach zum Thema Hochschule der Zukunft/Foto: HBC

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