Das Publikum war begeistert und gab dem Orchester der Hochschule Biberach (HBC) langanhaltende stehende Ovationen: Unter der Gesamtleitung von Prof. Dr. Klaus K. Weigele brachten die Musiker*innen am Mittwochabend (14.01.) die Schauspielmusik zu den Eumeniden von Charles Villiers Stanford zur Aufführung, ein Werk, das seit 120 Jahren nicht mehr erklang. Stanford eroberte – die zeitgenössischen Kritiken belegen es – mit dieser Musik im Jahr 1885 die Universitäts- und Stadtgesellschaft Cambridges und der Wagner-Dirigent Hans Richter dirigierte diese Musik in Kombination mit der britischen Erstaufführung von Brahms vierter Sinfonie. Man durfte also gespannt sein.
Und noch eine Besonderheit machte diese deutsche Erstaufführung einzigartig: Michael Sommer hob das Stück mit seinem Playmobil-Ensemble in die moderne Zeit – in atemberaubendem Tempo, mit viel Witz und Bezügen zum aktuellen Weltgeschehen, denn schließlich handelt das Schauspiel von Schuld, Sühne und Gerechtigkeit, von Faustrecht versus regelbasierte Welt. Dafür überträgt der Münchner YouTuber Szenen, die er mit den Figuren spielt, in einer Multimediashow auf die Leinwand, so dass die Zuschauer*innen das Mini-Theater verfolgen können. Auch wegen ihm strömten die Menschen in die Aula. Ihre Erwartungen wurden mehr als erfüllt, denn Sommer lief an diesem Abend zur Hochform auf, beteiligte das Publikum, flitze dafür durch die Reihen und band es mit rhythmischen Versen von Friedrich Schiller in die Aufführung ein.
Zurück zu Stanford, der mit seinem Tod in Vergessenheit geriet und nur als Komponist sakraler Musik überdauerte, denn seine weltliche Musik ist nahezu unbekannt. Das ist dem Urteil des irischen Musikkritiker George Bernhard Shaw geschuldet, der Stanford einerseits hochschätzte, andererseits dessen akademische Musik öffentlich verächtlich machte.
Schon währender der Ouvertüre zur Schauspielmusik wurde den Biberacher Zuschauer*innen deutlich, wie vorschnell Shaw geurteilt haben muss, denn beide dort verwandten Themen – das erste folgt einem straff punktierten Rhythmus, das zweite lyrische dagegen vermittelt eine Synthese mit den Idealen griechischer Dramatik – scheinen glücklich gewählt und haben nichts zu tun mit staubtrockener akademischer Musik, sondern vielmehr mit lustvoller Illustration einer dramatischen Handlung. Standford greift musikalisch auf eine Leitmotivtechnik zurück und kontrastiert das erhabene Apollo-Motiv jäh mit dem Weckruf des Geistes der Klytämnestra, welche die Erinnyen zur Rache gemahnt. Diese Leitmotive durchziehen von nun an die Zwischenaktmusiken und die Melodramen –und schließlich harmonisieren sie in einer von flirrenden Violinen herbeigeführten Synthese.
In der schwierigen Akustik der Aula der Hochschule Biberach, gelang es dem Orchester, die verschollene Musik wieder zum Leben zu erwecken. Da war immer der große Zug, der festliche Ton, das straffe Tempo – und es herrschte zugleich die Freiheit für das Einzelne, Blühende, Individuelle.
Die Aula der HBC war voll besetzt, so dass viele Gäste leider keinen Platz mehr fanden. Sie wird es freuen, dass die gesamte Orestie – das Hochschulorchester hatte in den vergangenen Semestern bereits Teil eins und zwei gespielt – im Rahmen der Jubiläumsfeier der Landesmusikakademie Ochsenhausen nochmals aufgeführt wird – am 20. Juni ab 21.30 Uhr unter freiem Himmel.