Isabell Osann und Henrike Mattheis lehren im Studiengang BWL der Hochschule Biberach (HBC) und haben sich der innovativen Lehre verschrieben. Gemeinsam haben die Professorinnen für Management und Organisation (Osann) sowie Recht (Mattheis) ein Seminar entwickelt, in dem Studierende lernen mit Veränderungsprozessen umzugehen, und darüber ein Buch geschrieben. Wir haben nachgefragt, was es damit auf sich hat.

Sie veröffentlichen im September ein Workbook im Hanser Verlag: „Kreislaufwirtschaft. Innovationen entwickeln – Transformation gestalten.“ Worum geht es darin?

Henrike Mattheis: Der Stifterverband für die deutsche Wissenschaft hat uns gemeinsam mit einem Fellowship für Innovationen in der Hochschullehre ausgezeichnet. In diesem Rahmen haben wir uns mit neuen Methoden für Führungsaufgaben in einer sich wandelnden Welt beschäftigt und ein Seminar für Changemaker entwickelt. Daraus ist auch die Buchidee entstanden. Diese Transformationsthemen passen gut zum Portfolio des Hanser Verlags – und zum Entwicklungspfad Bioökonomie der HBC.

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Sie stellen Führungswerkzeuge am Beispiel der Kreislaufwirtschaft vor – warum?

Isabell Osann: Changeprozesse oder auch Transformationsprozesse stellen hohe Anforderungen an Führung. Damit die Studierenden eine Anwendungsvorstellung bekommen, haben wir den Kurs anhand einer aktuellen Herausforderung aus dem Wirtschaftsleben aufbereitet: Der Transformation in die Kreislaufwirtschaft. 

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Welche Aspekte stehen im Zentrum einer solchen Transformation?

Isabell Osann: Klimawandel, Ressourcenknappheit, Migration, Internationalisierung und die Pandemie haben äußere Anstöße für eine Welt im Wandel gegeben. Diese komplexen Herausforderungen erfordern aus unserer Sicht neue Herangehensweisen, die losgelöst von alten Problemlösungsmustern sind.

Welche Qualifikationen benötigt ein Changemaker?

Henrike Mattheis: Akteure, die die Herausforderungen der Welt im Wandel angehen und lösen wollen, benötigen Zukunftskompetenzen. Unter diesen Future Skills verstehen wir Problemlösungsfähigkeit, Kreativität, unternehmerisches Denken, Eigeninitiative, Adaptionsfähigkeit, Durchhaltevermögen und Ambiguitätstoleranz, also die Fähigkeit mit Unsicherheiten umgehen zu können. Das sind übrigens alles explizit nicht-digitale Schlüsselkompetenzen.

An wen richtet sich Ihr Seminar?

Henrike Mattheis: Das Seminar haben wir ursprünglich für Studierende entwickelt. Dabei haben wir einen interdisziplinären Ansatz gewählt, so dass Studierende aus allen Studiengängen und allen Studienphasen teilnehmen können. Nach einem ersten Durchlauf haben wir das Seminar in diesem Semester auch für Mitarbeitende aus der Verwaltung geöffnet. Diese Zusammenarbeit sehen wir als große Chance für die Studierenden an, die in ihrem zukünftigen Arbeitsleben ebenfalls hierarchieübergreifend und interdisziplinär zusammenarbeiten werden.

Welche Fähigkeiten sollten die Teilnehmenden mitbringen?

Isabell Osann: Changemaker werden nicht geboren, sondern gemacht. Das bedeutet, dass die Teilnehmenden keine Fähigkeiten mitbringen müssen, sondern eine Haltung. Dabei sind die Offenheit, sich auf Neues einzulassen, Experimentierfreudigkeit und vor allem die Bereitschaft sich aus der Komfortzone zu wagen besonders zu erwähnen. Einige der Übungen, die teils alleine zu lösen, teils im Team zu bearbeiten waren, erfordern die Bereitschaft, sich auf etwas völlig Neues einzulassen. Hierbei gab es Aufgaben, die die Studierenden aus dem akademischen Umfeld bisher so nicht kannten und auf die sie sich auch als Person einlassen mussten, was im professionellen Kontext zumeist noch unbekanntes Terrain war.

Verraten Sie uns, wie das Seminar abläuft?

Henrike Mattheis: Beim Seminar werden wechselnd Fachinput und (Gruppen-)Arbeitsphasen eingesetzt. Die Arbeitsphasen hatten anfangs auch das Kennenlernen von Methoden (z.B. Interviewtechniken, Techniken des Zuhörens) zum Inhalt und dienten dann mehr und mehr der Design-Challenge-Lösung, an der sich der „Bau“ eines Prototypens anschloss, der durch Testen verfeinert wurde. Am Ende steht eine Abschlusspräsentation, der individuelle Gespräche zur Lernreflektion nachfolgen.

Welche Rolle nehmen Sie als Lehrende ein?

Isabell Osann: Unsere Rolle als Lehrende sehen wir als Facilitator, also als diejenigen, die Lernen begleiten und ermöglichen – für den Einzelnen wie die Gruppe. 

Welche Verantwortung übernehmen die Studierenden für sich und ihren Lernerfolg selbst?

Henrike Mattheis: Die Studierenden sehen wir dementsprechend als selbst verantwortlich für ihren Lernprozess, den wir unterstützen. Lernen wird zum aktiven Tun und nicht zu einem Konsumieren.

Theorie U – können Sie die Idee, die mit dieser Methode verbunden ist, kurz erläutern?

Isabell Osann: Theorie U ist eine bewusstseinsbasierte Methode mit vielen Praktiken für die Veränderung von Systemen. Dabei werden Systemdenken, Innovation und Veränderungsmanagement miteinander verbunden. Es geht darum, das vorherrschende Denken zu verstehen und sich für neue Sichtweisen zu öffnen, indem die individuelle Quelle mit der kollektiven Ebene verknüpft wird. Damit Veränderungsprozesse wirksam werden können, bedarf es der Verbindung zur inneren Haltung der handelnden Personen und deren Bewusstwerdung ihrer inneren Quellen – also die Frage, warum tue ich was ich tue.

Am Anfang steht also die Design Challenge. Welche Ideen haben die Studierenden entwickelt, um die Welt von morgen nachhaltiger zu gestalten?

Henrike Mattheis: Zwei Teams haben im Sommersemester unabhängig voneinander gearbeitet:

Eine Idee bezieht sich auf das Nachfüllen von Druckerkartuschen – unabhängig von Geschäftsöffnungszeiten. Die Kartuschen sollen standardisiert und ökologisch hergestellt werden und wiederauffüllbar sein. Diesen Refill führt der Nutzer selbst aus, zum Beispiel an einem Automaten. Hierdurch sollen Verpackungsmaterial und Transportwege gespart werden. Die andere Idee befasst sich mit einer Art „Urban Gardening“ auf dem Hochschulcampus. Dafür soll neben der Schaffung von Grünzonen auch regionales Gemüse angebaut werden. Hintergrund ist, dass Studierende und auch Mitarbeitende der Hochschule gemeinsam ehrenamtlich diesen Garten pflegen und nutzen können.

Wie konkret haben die beiden Teams ihre Ideen ausgearbeitet?

Henrike Mattheis: Die Ausarbeitung ist sehr konkret und wurde anhand von Testings durch mögliche Nutzergruppen überprüft. Anhand dieser Feedbacks haben die Teams die Ideen weiter verfeinert – und falls eine Gruppe gründen möchte, steht die HBC-Gründergarage bereit.

Für die Ausarbeitung ihrer Idee folgen die Studierenden dem Design Thinking und dem System Thinking. Welche Ansätze der Problemlösung bieten diese Methoden?

Isabell Osann: Das Design Thinking bietet einen strukturierten Prozess, in dem Kreativität nicht der zufälligen Entstehung überlassen, sondern in einem strukturierten, sechs Phasen umfassenden Zyklus gesteuert wird. Das Systems Thinking ist ein Rahmen, um Zusammenhänge statt einzelner Dinge zu sehen und um Muster der Veränderungen statt statischer Momentaufnahmen zu erkennen. Systemdenken wird gerade für die Bewältigung komplexer Aufgaben benötigt, insbesondere wenn das konkrete Ziel oder auch der Weg dorthin noch unklar sind.

Ein wichtiges Instrument ist dabei das Storytelling, gerade für die Präsentation der Idee am Ende des Kurses. Warum ist es wichtig, Geschichten erzählen zu können?

Isabell Osann: Storytelling bietet „gehirngerechte Kommunikation“, weil es emotional und bildhaft Schlüsselinformationen weitergibt. So können komplexe Inhalte nachhaltig vermittelt und Begeisterung und Identifikation hergestellt werden.

Henrike Mattheis: Gute Geschichten zeichnen sich dadurch aus, dass sie eine Beziehung zum Zuhörer aufbauen. Die aus Geschichten erlernten Muster werden dann zur Einordnung von Situationen eingesetzt. Deshalb eignet sich das Storytelling auch besonders gut zum Aufzeigen von Konflikten oder Problemstellungen.

Bildinformation:

Isabell Osann (links) und Henrike Mattheis bei einem Workshop im Design Thinking Labor der Hochschule Biberach / Foto: HBC