Verlernen wir durch Künstliche Intelligenz wichtige Fähigkeiten? Oder eröffnet sie gerade Menschen mit unterschiedlichen Voraussetzungen neue Bildungschancen? Darüber sprach die Philosophin Dr. Dorothea Winter, Vertretungsprofessorin für Ethik der Künstlichen Intelligenz an der Universität Osnabrück, am Mittwochabend auf Einladung des Inklusionsbeauftragten Prof. Dr. Jan Grossarth-Maticek an der Hochschule Biberach (HBC).
Winter, die kürzlich das Buch „Künstliche Intelligenz und Demokratie“ (Reclam) veröffentlicht hat, zeichnete ein ambivalentes Bild. Empirische Studien zeigen, dass regelmäßige KI-Nutzung tatsächlich zum Verlust eingeübter Fähigkeiten (De-Skilling) führen kann. Auch die erhoffte Zeitersparnis durch die Nutzung generativer KI für das Schreiben sei keineswegs selbstverständlich. Durch übermäßiges Vertrauen in automatisierte Systeme –
der sogenannte Automation Bias – würden die zeitlichen und qualitativen Vorteile der Nutzung mitunter überschätzt, bis hin zu der Gefahr eines „digitalen Rinderwahns“, die entsteht, wenn KI nur mit KI-Daten gefüttert werde. Zentral sei, so Winter, deshalb die Fähigkeit zur Reflexion: Welche Informationen erhalte ich woher und wie muss ich die Informationen einordnen und beurteilen? In diesem Zusammenhang verwies Dorothea Winter auf den Philosophen Immanuel Kant und dessen erkenntnistheoretisches Hauptwerk „Kritik der reinen Vernunft“: „Urteilskraft sei das Vermögen, das Besondere unter ein Allgemeines zu bringen, wobei keine Regel die Regel ihrer eigenen Anwendung mitliefert“.
Was bedeutet das für Lehre und Prüfungen? In der anschließenden Diskussion verwies der Moderator auf Umfragen, nach denen 78 Prozent der Studierenden angeben, gerade beim Schreiben zu lernen. Dennoch werden klassische Hausarbeiten zunehmend infrage gestellt, weil sich die Eigenleistung angesichts generativer KI kaum noch überprüfen lässt. Winter plädierte dafür, trotzdem an schriftlichen Arbeiten festzuhalten. Schreiben sei nicht bloß die Dokumentation fertiger Gedanken, sondern selbst ein Prozess des Denkens und Erkennens. Wer darauf verzichte, verkenne grundlegende Zusammenhänge zwischen Schreiben und Lernen. Zugleich müsse man bei jeder Lehr- und Prüfungsform neu fragen, welche Fähigkeiten damit eigentlich vermittelt werden sollen. Auch der geschickte Umgang mit KI-generierten Präsentationen könne schließlich eine beruflich relevante Kompetenz sein.
Stimmen aus dem Publikum machten deutlich, dass KI in manchen Bereichen unschlagbar schnell und präzise Ergebnisse liefere, so dass zum Beispiel das Programmieren von Websites für jeden möglich sei. Der gekonnte Prompt könne „Ketten sprengen“, was insbesondere die Startup-Szene verändere.
Aus der Perspektive der Inklusion verwies Winter auf erhebliche Chancen: Sprach-, Lese- und Verständnishilfen können Bildungsbarrieren abbauen, KI-gestützte Lernavatare Lernprozesse unterstützen. Studien zeigen zudem eine Angleichung der Leistungen: KI kann insbesondere schwächere Leistungen verbessern, zugleich aber zu einer Homogenisierung im mittleren Leistungsbereich beitragen.
Wir Menschen werden als gläserne Konsumenten betrachtet.
Demokratietheoretisch formulierte Winter dagegen eine deutliche Warnung. Sie kritisierte die zunehmende Macht großer KI-Konzerne, die durch die Sammlung und Auswertung persönlicher Daten immer tiefer in unseren Alltag eingreifen. Die Gefahr einer solchen „Kolonialisierung“ unseres Lebens stehe dem Versprechen einer Demokratisierung des Wissens gegenüber. „Wir Menschen werden dabei als gläserne Konsumenten betrachtet“, so Winter. Tech-Giganten wie Elan Musk oder Marc Zuckerberg sind für die Philosophin austauschbar, denn dahinter verberge sich ein „marklogischer Kapitalismus“.
So blieb es ein Abend mit gleichermaßen optimistischen wie kulturkritischen Perspektiven. Und mit einer grundlegenden Frage für die Hochschulen, die immer wieder in konkreten Lernsituationen zu stellen sein wird: Welche Fähigkeiten müssen (oder wollen) Menschen künftig noch selbst beherrschen – und warum?