Professor Dr.-Ing. Michael Haibel (* 1961) ist ein Geschichtenerzähler. Er liebt es, Fakten und Informationen in Storys zu verpacken, die in Erinnerung bleiben. Die Studierenden schätzen diese Art der Vorlesung – ihr Professor beschreibt seine Lehre als persönliche Haltung zu der Frage, wie gehe ich mit Lernstoff um. Dabei will er den jungen Menschen etwas Gutes tun, mit „Wohlwollen“ umschreibt er, was ihn fast 30 Jahre lang geleitet hat.
Als Haibel kurz vor Weihnachten zu seiner letzten Exkursion in die Technik-Abteilung des Deutschen Museums München einlädt, schließen sich spontan zwei Alumni an, die über ihren Werkstudenten von dem Haibelschen Ausflug erfahren haben und noch einmal miterleben wollen, was ihr Studium geprägt hat: Michael Haibel, der Erklärbär. Bis 17 Uhr wird die Gruppe von über 20 Energie-Ingenieur*innen gebannt seinen Ausführungen lauschen, begonnen haben sie bereits um 9.30 Uhr. U.a. werden sie durch ein Raster-Elektronenmikroskop blicken, das Strukturen im Mikro- und Nanometerbereich vergrößert darstellt, und so die Leistungsfähigkeit der Natur verstehen. Die Teilnehmenden sind beeindruckt - die Idee des Professors geht auf.
Michael Haibels Vorbild für wissenschaftliches Storytelling ist Harald Lesch. Abkupfern aber muss der Biberacher Geschichten-Erzähler nicht. Sein Talent, komplexe technische Zusammenhänge anschaulich, spielerisch und mit einer guten Portion bayerischem Humor inklusive Dialekt zu erklären, wurde ihm wohl in die Wiege gelegt.
Haibel wird zum Ende des Wintersemesters in den Ruhestand wechseln. Die Rückschau auf seine Zeit an der Hochschule Biberach setzt sich – natürlich – aus vielen Geschichten zusammen. Der Experte für Klima- und Lüftungstechnik hat lange in der Industrie gearbeitet, zunächst als Entwicklungsleiter, dann als Technischer Leiter. 1998 folgte er dem Ruf an die Hochschule Biberach. Als zweiter Lehrender kam er an den damals neuen Studiengang Gebäudeklimatik, der heute unter der Bezeichnung Energie-Ingenieurwesen angeboten wird.
Ohne Technik ist das Gebäude nur eine Hülle
Rasch machte er sich einen Namen. Während der SARS-Epidemie beriet er die Regierung Hongkongs, wie Klima- und Lüftungstechnik zur Vermeidung von Zweitinfektionen in Krankenhäusern beitragen kann. Auch während der Corona-Pandemie brachte er sein Wissen im Expertenkreis der Landesregierung Baden-Württemberg ein, um Infektionsrisiken in Innenräumen zu reduzieren.
Unabhängig von Epidemien ist Lüften für Michael Haibel ein zentrales Thema der Gebäudeklimatik: „Das bedeutet nicht allein, Sauerstoff in den Raum, sondern vor allen Dingen Schadstoffe aus dem Raum entweichen zu lassen“, erläutert er. Schimmelsporen sind ubiquitär, also überall vorhanden, aber ein gutes Lüftungs- und Dämmkonzept verhindert ihre Vermehrung und damit eine mikrobiologische Kontamination. Auch Legionellen im Trinkwasser, die ebenfalls überall vorkommen, lassen sich durch punktuelle Erwärmung und moderne Anlagentechnik in Schach halten – ein Balanceakt zwischen Infektionsschutz und Energieeffizienz.
Also doch high tech statt low tech? Für Haibel steht das Wohlfühlklima im Gebäude im Vordergrund; wenn das Außenklima immer widriger wird, etwa durch Hitzewellen, Starkregen oder Sturmböen, die der Klimawandel mit sich bringt, muss das Innenklima technisch konstant gehalten werden. „Ohne Technik ist das Gebäude nur eine Hülle“, sagt Michael Haibel.
Seine Vision aber geht weit über das einzelne Gebäude hinaus. Er sieht Städte als lebensfähige Ökosysteme, die wie ein Wald funktionieren: „Je mehr Grünflächen und Bäume eine Stadt hat, desto weniger aufwendige Technik ist nötig.“ Ein Laubbaum beispielsweise kann bis zu 40 Kilowatt Kühlleistung erbringen – Pflanzenfassaden („Vertical Forest“) und Photovoltaik an Gebäuden sind Bausteine einer Green City, Beispiele gibt es bereits in Paris, Singapur und China. Die Energieversorgung muss nach Haibels Überzeugung nachhaltig und perspektivisch kostenfrei sein, damit für die weltweit wachsende Bevölkerung ein würdiges Lebensumfeld entstehen kann. Für diese grüne Zukunft sei ausreichend Energie aus Sonne und Wind vorhanden. „Wir müssen sie nutzen – und die Technik für Umwandlung und Speicherung entwickeln“.
Klingt das zu optimistisch oder gar naiv? Für Michael Haibel ist es eine Frage der Konsequenz im Denken und Handeln. Denn die Natur – also das biologische System – ist das beste Vorbild für bahnbrechende Erfindungen. Das zeigte auch der Blick durch das Raster-Elektronik-Mikroskop im Deutschen Museum in München. Der Stachel eines Igels, den die Studierenden in 22 000-facher Vergrößerung bestaunen dürfen, zeigt zur Überraschung aller die Struktur des Tragflügels eines Flugzeugs, sehr leicht, sehr stabil. „Die Natur ist eine super Ingenieurin“, sagt Michael Haibel. Und: Die Hochschule Biberach hat alle Disziplinen, die gebraucht werden, um dem Klimawandel positiv entgegenzutreten: Für ein angemessenes Lebensumfeld wird passende Architektur und Städteplanung sowie Infrastruktur benötigt; die Menschen brauchen eine Versorgung mit Lebensmitteln, Medikamenten und Wasser – der Schlüssel für Bauen und Produktion aber liegt in der Bereitstellung von Energie. „Und in der interdisziplinären Zusammenarbeit“, fügt Michael Haibel hinzu.
Wir sollten unsere Sicht auf die Zukunft nicht am Mangel festmachen, sondern am Potenzial
Der Blick des Professors für Lüftungs- und Klimatechnik, Thermodynamik und Baubiologie bleibt optimistisch. „Wir sollten unsere Sicht auf die Zukunft nicht am Mangel festmachen, sondern am Potenzial“, sagt Michael Haibel. Zu Beginn des kommenden Sommersemesters hält der Erklärbär seine Last Lecture – wer Geschichten liebt, sollte sich diese letzte Haibelsche Vorlesung nicht entgehen lassen. Der Termin wird rechtzeitig bekannt gegeben.