Kommentar

Prof. Dr. Stefan Ulreich (*1968) lehrt im BWL-Studiengang mit Schwerpunkt Energie und Klimaschutz an der Hochschule Biberach. Seine Arbeitsgebiete sind Energiehandel, Energiepolitik und Digitalisierung. Der promovierte Physiker verfügt über mehr als 20 Jahre Berufserfahrung, unter anderem beim internationalen Energieunternehmen E.ON, wo er den Vorstand zu politischen und regulatorischen Fragen beriet. Seine Schwerpunkte liegen in der Bewertung regulatorischer Risiken, Investitionsentscheidungen sowie im Dialog zwischen Wirtschaft, Politik und Wissenschaft. 

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Wieder ein Krieg und wieder eine globale Energiekrise

Globale Energieflüsse unter Druck

Leider stehen die Chancen nicht gut, dass Europa aus der aktuellen Krise, verursacht durch die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Iran und den USA, unterstützt durch Israel, ohne schwerwiegende wirtschaftliche Schäden herauskommen wird. Die Straße von Hormus ist eine entscheidende Seeroute und sie ist nicht befahrbar: in der Woche vor der Blockade liefen rund 38% des globalen Ölhandels per Schiff über sie und 19% des Flüssigerdgas-Handels – übers Jahr gemittelt sind es rund 20% des globalen Ölhandels. Zudem steht Hormus für rund ein Drittel des globalen Düngemittelhandels. Nun sehen wir Ölpreise von deutlich über 100 Dollar pro barrel und einen entsprechenden Anstieg der LNG-Preise – die klassischen Vorboten eines wirtschaftlichen Abschwungs.

Der Krieg Russlands gegen die Ukraine hat zumindest für Europa eine ähnliche Krisensituation bewirkt, wobei hier dank des globalen Handels mit Öl und Flüssigerdgas relativ schnell die Versorgungsunterbrechungen aus Russland hervorgerufen durch die EU-Sanktionen kompensiert werden konnten – zumindest für die europäischen Länder, welche über eine Importinfrastruktur für Erdöl und Flüssigerdgas verfügen. Diese Herausforderung ist jetzt wegen der schieren Menge größer. Ausweichrouten bestehen in geringem Maße über saudische Pipelines in Richtung Rotes Meer, allerdings kann auch diese Infrastruktur angegriffen werden und die Huthi sind eine Bedrohung vor allem am südlichen Ende des Roten Meeres.

Bei bisherigen Energiekrisen war zudem zu beobachten, dass steigende Energiepreise einen Einfluss auf die Wirtschaftstätigkeit haben, der über die Energiekosten selbst hinausgeht. Zwar wird betont, dass Europa weniger von Öl und Gas abhängig ist im Vergleich zu den 1970-er Jahren. Betrachtet man jedoch die jüngste Energiekrise in den Jahren 2021 und 2022, kann einen dies nicht wirklich optimistisch stimmen. Bei der Inflationsrate von etwas über 4,5% im Euroraum im Jahr 2022 spielten Energiekosten eine bedeutende Rolle. Der durchschnittliche Ölpreis lag 2022 bei rund 100 US-$ - ein Grund, warum 2022 auch das bislang teuerste Jahr an den Tankstellen war. Dieses Jahr dürfte der Inflationsanstieg weniger stark ausfallen: Die Nachfrage ist weniger robust als 2022 und die Angebotsengpässe der Post-Lockdown-Zeiten haben sich ebenso entspannt.

Entscheidend: Wie lange dauert der Konflikt?

Die große Unbekannte in diesem Kontext ist die Länge des Konflikts am Persischen Golf. Wird er in den nächsten Tagen beendet sein und in eine stabile Situation münden, dürften sich die wirtschaftlichen Auswirkungen in Grenzen halten. Zwar müssen z.B. beschädigte Förderanlagen für Erdöl und Erdgas wieder in Stand gesetzt werden, aber die freie Schifffahrt über die Straße von Hormus erlaubt einen stärkeren globalen Austausch fossiler Brennstoffe und kann damit leichter den Bedarf decken – wenn auch bei zunächst höheren Preisen, da eben Förderkapazitäten fehlen.

Dauert der Krieg länger – was nach den bislang genannten Kriegszielen der USA und Israels das wahrscheinlichere Szenario ist – dann werden sich die knappen verfügbaren Mengen an Öl und Flüssigerdgas für Europa in deutlich höheren Marktpreisen niederschlagen. Ebenso dürften in dem Fall die Lebensmittelpreise ansteigen, da sich Düngemittel verteuern – ein durchaus sehr ernstzunehmender Punkt für ärmere Länder.

Der am 8.4. in Aussicht gestellte zweiwöchige Waffenstillstand mag als erster Hoffnungsschimmer für einen kurzen Konflikt gelten. Allerdings ist noch offen, wie genau die Durchfahrt durch die Straße von Hormus definiert ist – hier bestehen noch Unterschiede zwischen den Verlautbarungen der USA und des Iran. Die Reedereien bemühen sich hier um mehr Klarheit. Der Verband Deutscher Reeder wies darauf hin, dass über 2000 Schiffe mit etwa 20000 Seeleuten im Golf festsitzen. Und auch wenn das geklärt ist, muss sich noch herausstellen, ob es ein stabiler oder fragiler Zustand werden wird. 
 

… Und was kann man dagegen tun?

Wenn man auf einen kurzen Krieg mit anschließendem stabilem Frieden wettet, dann kann man über nationale preisdämpfende Maßnahmen nachdenken, weil es ja nur einen kurzen Zeitraum mit hohen Preisen zu überwinden gilt. Es sollte nur jedem nach dem „Doppelwumms“ von 2022 klar sein, dass am Ende der Steuerzahler für diese Maßnahmen gerade zu stehen hat – sei es durch Erhöhung direkter und/oder indirekter Steuern oder durch Verzicht auf staatliche Ausgaben bei Infrastruktur oder bei sozialen Ausgaben. 

Dauert der Krieg länger oder es folgt eine lange Phase der Instabilität, dann sind oben genannte Maßnahmen sogar schädlich: Statt sich von Anfang an auf einen sparsamen Umgang mit einer knappen Ressource zu konzentrieren, wird man dann sehr hart von der Realität eingeholt. Bei Erwartung einer längeren Periode höherer Preise wären also Effizienzmaßnahmen (z.B.  Homeoffice, Fahrgemeinschaften, Umstieg auf ÖPNV – natürlich nur dort, wo es möglich ist) der bessere Ansatz, gepaart mit Investitionen in Lösungen, die eine geringere Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen versprechen.

Allerdings: Damit wählt man neue Abhängigkeiten. Betrachtet man die Dominanz Chinas bei der Förderung und Weiterverarbeitung kritischer Mineralien, bei der Herstellung von Anlagen zur Produktion erneuerbaren Stroms, Wärmepumpen, Speicher und Elektroautos, und nicht zuletzt die inzwischen erreichte Technologieführerschaft Chinas bei Stromtechnologien, wird klar, dass das am Ende eine Wette auf ein friedliebendes China ist. Geht die Wette nicht auf, weil China militärisch gegen Taiwan vorgeht, wird es eine Herausforderung werden, einen etwaigen sanktionsbedingten EU-Importstopp durch Lieferungen aus anderen Ländern oder gar durch heimisch geförderte kritische Mineralien zu kompensieren. Zudem sind Investitionen keine kurzfristige Lösung, sondern erfordern Zeit. Die typische Dauer zwischen der ersten Idee und der ersten produzierter Kilowattstunde Strom bei einem Windkraftwerk liegen bei rund 7 Jahren – Deutschlandtempo eben.

Ebenso: Der freie Welthandel findet zu 80% per internationaler Schifffahrt statt. Ein wesentlicher Garant dafür war nach dem zweiten Weltkrieg die US Navy, davor die Royal Navy. Länder, die am freien Welthandel partizipieren wollen, kommen nicht umhin, sich bei dessen Schutz stärker einzubringen.

Es sollte zudem nicht überraschen, wenn die geopolitische Fragmentierung der Welt stärker zunehmen wird und Energiekrisen dabei immer wieder aufflammen Die Beziehungen zwischen Russland und China werden stärker und beide Länder können in Zukunft durchaus einen Gegenpol zu einem Westen bilden, dessen Kohäsionskräfte eher ab- denn zuzunehmen scheinen. Für Deutschland mit dem 100%-Erneuerbaren-Ziel der Energiewende könnte das zu einem schwierigen Lavieren zwischen der militärischen Westbindung und einer energiewirtschaftlichen Bindung an China werden.