Wie unterschiedlich Sicherheit organisiert werden kann, zeigt ein aktueller Blick über den Atlantik. Im Rahmen seiner Bachelorarbeit im Studiengang Bauingenieurwesen hat Jonas Heinle Systeme der Staudammsicherheit in Deutschland und Argentinien gegenübergestellt – entstanden während seines Auslandsaufenthalts an der Universidad de Tucumán über das ISAP-Programm der Hochschule Biberach.
Heinles Arbeit wurde von Prof. Dr. Gerhard Haimerl, Dekan der Fakultät Bauingenieurwesen und Projektmanagement, betreut und knüpft an sein vorheriges Semester in Argentinien an. Die dort entstandenen Kontakte und Einblicke bildeten den Ausgangspunkt für die Untersuchung eines zentralen Themas des Wasserbaus: Wie werden große Stauanlagen überwacht, reguliert und betrieben – und wo liegen die Unterschiede in der Praxis? „Herr Heinle hat sich sehr intensiv in die technischen Regelwerke beider Länder eingearbeitet und konnte seine Erkenntnisse durch die Mitarbeit bei einer Talsperrenüberprüfung vor Ort in Argentinien unmittelbar mit der Praxis verknüpfen“, sagt Haimerl.
Im Mittelpunkt seiner Arbeit stand die Talsperre Cabra Corral (General Manuel Belgrano) in der nordargentinischen Provinz Salta. Der in den 1970er-Jahren errichtete Staudamm staut den Río Salado und dient zugleich der Energiegewinnung und Trinkwasserversorgung. Betrieben wird die Anlage heute vom Energieversorger AES.
Foto: Jonas Heinle vor der Talsperre Cabra Corral
Weniger die bauliche Substanz als vielmehr die dahinterliegenden Strukturen interessierten den Bauingenieur: gesetzliche Rahmenbedingungen, Betreiberpflichten sowie Systeme der Eigen- und Fremdüberwachung. „Dabei zeigt sich ein deutliches Gefälle in der Systemlogik. In Deutschland greifen technische Regelwerke, Gesetze und klar definierte Zuständigkeiten eng ineinander. In Argentinien hingegen sind Verantwortung und Kontrolle stärker föderal organisiert und teils über regionale Strukturen und Konzessionsmodelle verteilt“, berichtet Heinle.
Der direkte Vergleich mache vor allem eines sichtbar: Sicherheit ist nicht nur eine Frage der Technik, sondern der Institutionen. Während das deutsche System auf Standardisierung und eindeutige Zuständigkeiten setze, wirke das argentinische Modell flexibler, aber auch fragmentierter. Der Aufenthalt in Tucumán und die Besichtigung der Anlage vor Ort vertieften diese Unterschiede jenseits der Theorie. „Für mich war neben der fachlichen Analyse vor allem der Austausch mit lokalen Ingenieurinnen und Ingenieuren prägend – und der Blick auf Infrastruktur unter anderen wirtschaftlichen und politischen Bedingungen“, so der Student.
Auch für Prof. Haimerl liegt darin eine zentrale Erkenntnis: „Die fachliche Qualität der Sicherheitsstandards ist im untersuchten Beispiel durchaus vergleichbar. In Argentinien hängt deren Umsetzung jedoch stärker von der Qualifikation einzelner Akteure ab als von einem einheitlich geregelten System.“ Der Vergleich zeige damit, dass sichere Infrastruktur nicht allein von technischen Lösungen abhänge, sondern ebenso von den organisatorischen und rechtlichen Rahmenbedingungen.
Heute setzt Heinle sein Studium im Master Bauingenieurwesen in Biberach fort und arbeitet parallel in einem Ingenieurbüro. Die Erfahrungen aus dem internationalen Vergleich sind dabei längst Teil seines beruflichen Blicks geworden – besonders dort, wo Infrastruktur mehr ist als Beton und Norm: nämlich ein System aus Verantwortung, Vertrauen und Kontrolle.
Das ISAP-Programm der Hochschule Biberach schafft für solche Erfahrungen den Rahmen: Studierende verbringen ein Semester an der Partnerhochschule in Tucumán, arbeiten in gemeinsamen Forschungs- und Studienformaten und erweitern dabei nicht nur ihr Fachwissen, sondern auch ihre sprachlichen und interkulturellen Kompetenzen. Voraussetzungen sind ein fortgeschrittenes Studium im Ingenieurwesen, erste Studienleistungen sowie Spanischkenntnisse auf grundlegendem Niveau. „Internationale Praxisphasen erweitern den fachlichen Blick und zeigen, dass es unterschiedliche Wege gibt, mit komplexen Infrastrukturaufgaben umzugehen. Genau diese Erfahrungen sind ein großer Mehrwert für die Ausbildung unserer Studierenden“, betont Haimerl die Wichtigkeit von Programmen wie diesem.