Wie treffen Investor*innen Entscheidungen, wenn Rendite und ethische Verantwortung aufeinandertreffen? Mit dieser Frage setzt sich die Hochschule Biberach (HBC) auf innovative Weise auseinander. In der BWL-Masterveranstaltung „Asset- und Portfoliomanagement“, die Prof. Dr. Jens Winter gemeinsam mit den beiden Lehrbeauftragten Stephan Belser und Michael Urban verantwortet, agieren Studierende nicht nur als Fondsmanager*innen – sie erleben durch ein neu entwickeltes VR-Spiel, welche Konsequenzen ihre Entscheidungen für Unternehmen, Umwelt und Gesellschaft haben.
Hierbei tauchen die Studierenden in die VR-Welt ein, in der sie über mehrere Spielrunden in einem realistischen Setting ihr fiktives Vermögen in verschiedene Unternehmen, die realitätsnah modelliert sind, investieren sollen. In jeder Simulationsrunde erleben die Studierenden die Auswirkungen ihrer Entscheidungen ihrer Unternehmensauswahl. Denn es werden kritische Aspekte wie Kinderarbeit, Klimaeinflüsse oder ethisch fragwürdige Geschäftspraktiken ebenso aufgedeckt wie positive Aspekte. Die VR-Umgebung macht dies unmittelbar erfahrbar und in jeder Runde erweitern die Studierenden ihre Perspektive, reflektieren ihre Entscheidungen, hinterfragen ihre Werte und überlegen, ob sie ihre ursprünglichen Investments weiterhin vertreten würden.
Entwickelt wurde das Tool von Jan Hereth, Mitarbeiter im Institut für Bildungstransfer (IBiT) in Zusammenarbeit mit dem externen Partner patientzerogames. „Die Grundidee hatten wir zusammen mit Prof. Winter: Ein Tool zu entwickeln, das Studierende emotional abholt und zum kritischen Nachdenken über Investitionsentscheidungen bringt“, erklärt Hereth. „Mit VR können Studierende Dinge erleben, die weit außerhalb des realen Alltags stattfinden, und sehen sofort die Konsequenzen ihres Handelns.“
Die Master-Studierenden zeigen sich beeindruckt: „Ich fand es richtig spannend, selbst Entscheidungen zu treffen und dann die Auswirkungen zu sehen,“ berichtet Alen Agic. Laura Okupska ergänzt: „Manche Informationen zu den Unternehmen haben mich geschockt – ich habe meine Entscheidungen stark an den Werten ausgerichtet und teilweise neu überdacht.“
Das Projekt verknüpft Präsenz und digitale Lehre auf einzigartige Weise: Studierende lernen praxisnah, wie ethische und wirtschaftliche Faktoren in der Finanzwelt zusammenwirken, während die Hochschule moderne digitale Lehrmittel erprobt und evaluiert. Das Verhalten und die Entscheidungen der Studierenden in der VR-Umgebung werden mittels Daten ausgewertet und diese bilden dann wiederum die Basis für einen interaktiven und analogen Workshop durchgeführt. So lernen die Studierenden, Renditeüberlegungen mit ethischen Fragestellungen zu verbinden – eine Erfahrung, die weit über klassische Vorlesungen hinausgeht.
Die Umsetzung ist Teil des Fellowships „Hochschul-Tandems“, das vom Stifterverband und dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg gefördert wird. Hierfür waren Prof. Dr. Jens Winter und Renate Stratmann, Akademische Mitarbeiterin im IBiT, in 2024 ausgewählt worden.
„Unsere Vision ist, dass Studierende nicht nur theoretische Kenntnisse erwerben, sondern auch lernen, wie ihre Entscheidungen wirklich wirken – auf Menschen, Unternehmen und Gesellschaft“, so Stratmann. „Das VR-Spiel macht diese Erfahrung greifbar und intensiviert den Lernprozess nachhaltig.“