An zwei Samstagen im Oktober hat die Hochschule Biberach (HBC) zu einer Ringvorlesung zum Thema Kosmopolitismus eingeladen. In Zusammenarbeit mit der Wieland-Stiftung ging es um die Aktualität einer Idee – und um ein Gespräch mit Wielands Zeit. Dr. Harald Schwaetzer, Gastprofessor für Philosophie an der HBC, hatte dafür fünf Referenten eingeladen, darunter Professor Dr. André Bleicher, Rektor der HBC, sowie Mitveranstalterin Dr. Kerstin Bönsch, Geschäftsführerin der Wieland-Stiftung.

„Wieland weiterdenken: Wie frei und gleich sind wir?“: Diese Frage stellte Kerstin Bönsch in ihrem Vortrag, der sowohl in Textauszügen Wielands Idee vorstellte als auch deren Anschlussfähigkeit in der Gegenwart suchte. Bönsch zeigte auf, dass sich der Dichter für eine organische Entwicklung des Weltbürgertums ausgesprochen hatte, in dem die Vernunft als einzige Waffe die Menschheit voranbringt und solidarisiert. Indem sich jeder Mensch seiner Verantwortung, seiner Rechte und Pflichten bewusst sei, fordere er einen Weg der Mitte, so Wielands Sichtweise. Was bedeutet dies in der Gegenwart für Fragen des Klimawandels, der Migration und der Corona-Pandemie?

Diese Fragen griff André Bleicher auf, indem er verschiedene Verständnisse darlegte, die von der utopistischen, frühneuzeitlichen Idee des Weltstaates bis zur Vision der Auflösung aller Politik im globalen Markt bis zu den zeitgenössischen Marktradikalen propagiert wird, reichen. Für ihn steht die Frage „Welcher Kosmopolitismus?“ im Mittelpunkt der Diskussion, nicht zuletzt wegen der vermeintlich einzigen Alternative Nationalstaat oder Weltstaat und der vermeintlich zwingenden Folge des Universalismus, dem Einsatz imperialer Macht gegen die anderen. In diesem Sinne sprach er angesichts von Ungleichheiten in der Welt vom „Not-Kosmopolitismus“.

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Zuvor hatte Professor Dr. Wolfgang Christian Schneider von der Universität Hildesheim das Publikum in die griechische Geschichte geführt: Mit seinem Vortrag „Der Gedanke der Kosmopolitie in der Antike und sein Fortwirken bei Wieland“ legte er dar, wie mit der Herausbildung eines philosophischen Nachdenkens über die Notwendigkeiten einer sozialen Ordnung die Frage nach dem Bezug des Handelns und Meinens der Menschen in eine größere Ordnung gestellt wurde. Daraus ergeben sich Entwürfe, die jeden Menschen in einem umfassenden Sinn- und Lebensraum sehen – ein Kern auch von Wielands Kosmopolitie-Begriff. 

„Kosmopolitismus ist auch ein Standpunkt. Herder im kritischen Diskurs mit Rousseau und Wieland“ schließlich war am zweiten Veranstaltungstag das Thema von Professor Dr. Tilman Borsche von der Universität Hildesheim. Er zeigt auf, wie sich die moderne Kontroverse um den Kosmopolitismus im 18. Jahrhundert als eine polemische Auseinandersetzung mit dem Patriotismus entwickelte. In dieser Zeit wurde der politische Philosoph Jean-Jacques Rousseau zum Stichwortgeber; daran knüpfte Johann Gottfried Herder, der Geschichts- und Kultur-Philosoph der Weimarer Klassik, mit einem eigenen ethisch-politischen Leitbegriff der Humanität an.

Dr. Peter Neumann (Universität Oldenburg) erläuterte Schillers ästhetische Kritik der Moderne: Was Kosmopolitismus ist und seiner Idee nach sein kann, war für den Dichter keine abstrakte Frage. Vielmehr war Friedrich Schiller der Meinung, dass man sich durch die kommunikative Kraft der Poesie zum Weltbürger heranbilden müsse und es der Kunst zufalle, die in sich zerfallene Moderne in eine Kultur geselliger Humanität zu transformieren. Passend dazu begann und endete Neumann in seinem Vortrag „Der geteilte Himmel des Geschmacks. Schillers ästhetische Kritik der Moderne“ mit dem Theaterstück „Der gestiefelte Kater“.

Den Schlussvortrag hielt Professor Harald Schwaetzer selbst und machte nochmals deutlich: Der Begriff des „Kosmopolitismus“ hat tatsächlich viele Facetten. Unter ihm wurden Lessing, Wieland, Kant, Herder, Schiller und Goethe gleichermaßen gefasst. Anhand der Werke „Faust“ und „Wilhelm Meister“ stellte er die bildungs- und moralphilosophischen Aspekte einer metamorphosierten Gestalt des Kosmopolitismus dar, die zutiefst mit Goethes Verständnis vom Menschen und der Natur zusammenhängen. Die Nähe zu den Ideen von Wieland, Schiller und Herder, aber auch das Potenzial für die Gegenwart wurde in seinem Vortrag „Ein Werdender wird immer dankbar sein“. Mensch, Zeit, Entwicklung – Metamorphosen des Kosmopolitismus bei Goethe“ anschaulich sichtbar.

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